Wohnen im Univiertel
Essen. Die Wohnprojekte fürs grüne Universitätsviertel in Essen finden reißenden Absatz, aber das sorgt auch für Streit hinter den Kulissen. Interessierte Investoren gibt es viele. Doch nicht jeder bekommt ein Stück vom Kuchen ab.
Lang her, da nannten sie diese Gegend das „Tal der fliegenden Messer“, und Segeroth reimte sich auf Schrot und tot. Demnächst ist hier der „Lifestyle zuhause“, jedenfalls steht das so in einem Prospekt der Hochtief Construction AG, die hier sechs exklusive Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 48 Eigentumswohnungen baut und sich dieser Tage selbst zwicken muss, dass die nicht ganz billigen vier Wände im neuen Universitätsviertel sich wie geschnitten Brot vermarkten lassen.
„Ich hätte nie gedacht, dass uns so schnell so hochwertige Wohnungen aus der Hand genommen werden“, sagt Gerd Kropmanns, der die Hochtief-Wohnsparte „formart“ in NRW vertritt: „Wir haben das Gefühl, in ein Vakuum gestoßen zu sein, das alle Vorurteile nach dem Motto ,So was geht nur in Düsseldorf’, als Trugschluss entlarvt.“ Noch ist für „P.West“, wie Hochtief sein Vorhaben nennt, kein Schäuflein Erde ausgehoben worden, da sind bereits 30 Wohnungen reserviert, davon in zehn Fällen sogar schon notariell beurkundet. Für Kropmanns ein Zeichen für das gewachsene Selbstbewusstsein der Essener, und für ihn als Immobilienfachmann das Signal, das sich anbahnende Geschäft auszuweiten. Und so hat Hochtief für das Baugrundstück nebenan ein offizielles Kaufgebot abgegeben und hofft.
Möglicherweise vergebens, denn die 1a-Citylage, die Hochtief in seinem Prospekt beschreibt, haben auch andere für sich entdeckt. Längst gibt es mehr Interessenten als Bewerber, was hinter den Kulissen zuletzt zu einigem Knatsch geführt hat: Die einen treibt die Sorge, dass manche Bewerber gezielt außen vor gehalten werden, die anderen, dass neue Interessenten bereits erteilte Zusagen torpedieren.
Und wo derartiges Gedränge herrscht, traut sich ein Planungsausschuss, der seit Jahr und Tag über fehlende Investoren für Wohnungsbau in der Innenstadt klagt, auch schon mal bockig zu werden: Ein planerischer Entwurf von Evonik Wohnen jedenfalls fand wegen seiner wuchtigen Anmutung im Dezember keine Gnade vor der Politik und wurde mit der Bitte um Überarbeitung abgelehnt.
Ein Affront? Mindestens ein Signal, dass die Politik sich nicht scheut, der Geschäftsführung der Entwicklungsgesellschaft Universitätsviertel (EGU) in die Parade zu fahren. Entsprechend ungehalten ist hie und da die Stimmung, was mögliche Univiertel-Bewohner von morgen nicht stören muss: Ihnen wird, wenn erst mal alle Projekte am Markt sind, die ganze Bandbreite des Wohnens geboten: mieten oder kaufen, auf 63 oder bis zu 218 Quadratmetern, aber stets in betont hochwertiger Architektur.
Ende Januar sollen weitere Anbieter den Zuschlag bekommen, Adams + Partner etwa, deren 18 Stadthäuser schon im Dezember unumstritten waren, auch Evonik gilt keineswegs als aussortiert. Chancen hat etwa das Versorgungswerk der Architektenkammer ebenso wie Ottmann Consulting mit seinem attraktiven Entwurf des Düsseldorfer Architekten Geddert.
Noch in diesem Jahr sollen die meisten Projekte in die Baugrube gehen, wobei die Entwicklungsgesellschaft schon zusehen muss, dass sich die Baufirmen nicht gegenseitig auf den Füßen stehen, sondern noch Platz für Baustellen-Logistik bleibt. Gut für die Nutzer von morgen: Vielen bleibt eine staubige Dauerbaustelle vor der Tür erspart.
Dies zumal auch die Gewerbebauten ringsum auf Interesse stoßen: Ein großes Baufeld direkt an der Friedrich-Ebert-Straße gilt als möglicher Standort für die neue AOK-Zentrale, daneben plant eine Investorengruppe ein Bürogebäude. An der Segerothstraße hat man die Pläne für einen Büro- und Hotelkomplex noch nicht zu den Akten gelegt, während am genau entgegengesetzten Ende des Univiertels, an der Gladbecker Straße, mit seiner grünen Mitte ein Uni-Bau entstehen könnte.
Könnte. Weiter hinauswagen mag sich Dirk Miklikowski als Geschäftsführer der EGU noch nicht: Immerhin, es gibt einen Prüfauftrag der Bau- und Liegenschaftsbetriebe des Landes, um hier womöglich ein Hörsaalzentrum mit 3400 Quadratmetern Geschossfläche zu bauen. Für das so genannte Rotationsgebäude hatte die Uni schon vor Wochen abgewinkt: Ihr lagen die Kosten zu hoch, weshalb die EGU ihr für das andere Areal finanziell entgegenkommen will. Denn ein bisschen Uni im Univiertel wäre schön.
Quelle: NRZ | Essen, 13.01.2011, Wolfgang Kintscher

- Das geplante neue Univiertel aus der Vogelperspektive.